Erhitzte Gemüter, widersprüchliche Aussagen und Strafanzeige stehen im Raum. Der Tod eines freilaufenden Hundes in Steinebach im Westerwaldkreis in Rheinland-Pfalz am 16. April hat im Internet große Wellen geschlagen. Tiervision hat nachgefragt!

Verspielt oder aggressiv? Schutzbehauptung oder die Wahrheit?

Der Tod eines freilaufenden Hundes in Steinebach im Westerwaldkreis in Rheinland-Pfalz am 16. April hat im Internet große Wellen geschlagen, die Gemüter von Tierfreunden erhitzt und Fragen aufgeworfen, mit denen sich künftig möglicherweise gar die Justiz beschäftigen muss. Denn neben widersprüchlichen Aussagen und Hetzkampagnen steht womöglich bald eine Strafanzeige im Raum. Doch was war überhaupt passiert?

Als Martin Mauer, selbst Tierbesitzer, am Donnerstagmorgen gegen 6.30 Uhr zur Arbeit fahren will, entdeckt er einen freilaufenden, offenbar herrenlosen Hund, der ein Halsband mit abgerissener Kette trägt. Mauer pfeift, der Kangal – ein Herdenschutzhund türkischer Abstammung, der bis zu 70 Kilogramm wiegt – kommt schwanzwedelnd auf ihn zu. „Er war zutraulich und wollte spielen“, sagt Mauer gegenüber der Rhein-Zeitung. Er lockt das Tier in die Garage, aus Angst, der Vierbeiner könnte vor ein Auto laufen, und verständigt die Polizei. Die verweist ihn an das Ordnungsamt, das jedoch erst ab 8.30 Uhr besetzt ist. Während Mauer sich auf den Weg zur Arbeit macht, setzt sich seine Ehefrau daraufhin mit dem für die Gemeinde Gebhardshain zuständigen Tierschutzverein Thea in Verbindung. Dort habe man ihnen angeraten, das Tier wieder freizulassen, berichtet Mauer. „Er sei bestimmt ausgebüxt und werde sicher nach Hause zurückfinden“, sagte man ihnen.

Einige Male wird die Fellnase am Morgen noch gesichtet. Eine Suchaktion, die von Mauers Arbeitskollegin Jutta Rosenkranz, ehemalige Vorsitzende eines Kangal-Vereins, gestartet wird, bleibt allerdings erfolgslos. „Wir haben direkt Halsband, Leine und Gitter ins Auto gepackt, sind zu Familie Mauer gefahren und haben alles abgesucht“, erzählt Petra Müller gegenüber Tiervision. Die Halterin eines Kangals wurde von Rosenkranz informiert und gebeten, sich um den herrenlosen Hund zu kümmern. „Wir haben Spaziergänger gefragt, Wanderer angesprochen, gepfiffen“, schildert Müller. Doch der Hund ist verschwunden. Mit der Bitte an Mauers Frau, den Vierbeiner anzufüttern, falls er wieder auftaucht, begibt sich Müller auf den Heimweg. „Ich war gerade zuhause“, erzählt sie noch immer schockiert,  „da erhielt ich von Jutta Rosenkranz den Anruf, der Hund sei eliminiert worden.“

Denn in der Zwischenzeit war der Kangal erneut eingefangen worden – dieses Mal in der Werkshalle einer Firma. Kurze Zeit später trifft dort Wilhelm Muth, der erste Vorsitzende des Tierschutzvereins Thea ein.  Wie die Rhein-Zeitung schreibt, habe dieser den Hund sehr aggressiv erlebt und daraufhin Tierärztin Petra Hoß aufgesucht, um Futter und ein Beruhigungsmittel zu holen. Doch offenbar wirken die Mittel nicht. „Der Hund war zunehmend unruhiger, knurrte und fletschte die Zähne. Er hatte den Tag schon zu viel mitgemacht, das Adrenalin war zu hoch“, schildert Hoß, die wenig später selbst in der Werkshalle eintrifft, im Gespräch mit Tiervision.

Muth habe ihr daraufhin gesagt, dass er keine Unterbringungsmöglichkeiten für das Tier hat, dass der Kangal gefährlich und nicht vermittelbar sei. Druck habe er laut der Rhein-Zeitung auf die Tierärztin ausgeübt, sie solle die Fellnase einschläfern. Informationen, die Hoß als korrekt bestätigt. Als sie schließlich die Spritze ansetzen will, wird die Kette des Hundes durch ein Gitter gezogen und der Vierbeiner gesichert. „Ich bin alle Möglichkeiten durchgegangen. Ich hätte mir nicht verzeihen können, wenn er gebissen hätte, nachdem ich ihn irgendwo untergebracht hätte“, versucht Hoß ihre Entscheidung für die Maßnahme zu begründen. „Es war eine extreme Situation, in der ich das Tier als hochgradig aggressiv erlebt habe. Es tat mir unglaublich Leid für den Vierbeiner. Er hatte keine Schuld, er war ein junger Hund, der einfach keine Erziehung hatte“, sagt die Tierärztin, die im Internet seither Anfeindungen, Drohungen und Hetzkampagnen über sich ergehen lassen muss. „Im Nachhinein, vor allem aber nach dem, was über mich hereingebrochen ist, hätte ich vielleicht anders gehandelt“, sagt sie heute. „Mit kühlem Kopf hätte man vielleicht Lösungen gefunden.“ Lösungen, wie die Hilfe von Petra Müller. „Wir hätte ihn alle aufgenommen“, sagt sie. Zu spät. Der Kangal, der laut der Tierärztin vernachlässigt und vermutlich nicht artgerecht als Kettenhund gehalten wurde und dessen Halter zudem noch immer nicht ausfindig gemacht werden konnte, ist tot.

Die Wellen des Vorfalls aber schlagen immer höher. „Das sind alles nur Schutzbehauptungen der Beteiligten. Ein hochgradig aggressiver Kangal, der eingeschläfert wird, und keiner der anwesenden Personen ist verletzt?“ gibt beispielsweise Müller zu bedenken. Sie habe sich bereits mit einer Tierrechtlerin zusammengesetzt und werde eine Strafanzeige gegen den Thea-Vorsitzenden Muth stellen. „Er hat das Tier im Anschluss ins Auto gepackt, obwohl er ihn gar nicht hätte mitnehmen dürfen.“ Außerdem weist die Hundebesitzerin auf ein vermeintliches Haltungsverbot von Muth hin sowie auf Vorkommnisse in der Vergangenheit. So haben sich bereits im Jahr 2009 Tierschutzvereine zusammengeschlossen und die Organisation Thea sowie deren Praktiken im Zusammenhang mit der Aufnahme von Fundtieren öffentlich angezeigt. Wilhelm Muth selbst wollte sich auf Anfrage von Tiervision nicht zu dem Vorfall äußern.

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